Wer in Wien früh in einem Kaffeehaus sitzt, sieht sie noch immer auf den Holztischen liegen, ordentlich gefaltet neben der Tasse: die Presse. Ein Blatt, dessen Vorläufer erschien, als Kaiser Ferdinand noch regierte und von einer österreichischen Republik niemand sprach. Dass eine Zeitung 1848 gegründet wird und 176 Jahre später noch jeden Morgen gedruckt wird, ist in Europa die Ausnahme, nicht die Regel. Genau deshalb lohnt der zweite Blick: Was ist dieses Produkt eigentlich, und wofür steht es heute noch?
Ein Name, der aus Paris kam
August Zang hatte in Paris mit einer Wiener Bäckerei Geld verdient – der Mann, dem die Franzosen bis heute nachsagen, sie hätten das Hörnchen von ihm gelernt. 1848 kehrte er nach Wien zurück und gründete eine Zeitung. Das Vorbild stand in Paris: Émile de Girardin hatte mit „La Presse“ vorgemacht, wie man ein Blatt über billige Abonnements und Anzeigen finanziert statt über politische Gönner. Der Name war also keine Eingebung, sondern eine Kopie – ein Geschäftsmodell mit Titel.
Das Timing war kühn. 1848 war das Jahr, in dem in halb Europa Zeitungen aus dem Boden schossen wie Pilze nach einem Gewitter. Die Revolution überlebte die Zeitung nicht, die Zeitung überlebte die Revolution. Sie arrangierte sich mit den Behörden und galt in den Jahren des Neoabsolutismus als regierungsnah – ein Muster, das sich in der Geschichte des Hauses noch öfter zeigen sollte: nach außen liberal, nach innen vorsichtig.
1864 wurde das Blatt umbenannt und begann seinen eigentlichen Aufstieg: als Neue Freie Presse unter Michael Etienne und Max Friedländer. Über Jahrzehnte galt sie als das Weltblatt der Monarchie, gelesen von Triest bis Lemberg, von Beamten, Industriellen, Anwälten und Gymnasialprofessoren. Wer dort im Feuilleton stand, war wer. Theodor Herzl schrieb als Pariser Korrespondent für das Blatt und wurde später dessen Feuilletonchef – derselbe Mann, der wenig später „Der Judenstaat“ veröffentlichte. Und Karl Kraus wiederum machte die Neue Freie Presse zum Hauptziel seiner Polemiken, weil er in ihr genau jene Mischung aus Einfluss, Bequemlichkeit und sprachlicher Selbstgewissheit sah, die er hasste. Beide Beobachtungen gehören zusammen: Eine Zeitung, die so viel Macht hatte, zog so viel Kritik auf sich.
Was 1938 endete und 1946 neu begann
Nach dem „Anschluss“ 1938 verlor die Familie Benedikt, die das Blatt über Jahrzehnte geprägt und schließlich besessen hatte, die Verfügungsmacht; 1939 stellte die Neue Freie Presse ihr Erscheinen ein. Darin endete mehr als eine Zeitung. Es endete eine bürgerlich-liberale Öffentlichkeit, die schon die Erste Republik nur noch mit Mühe getragen hatte.
Im Jänner 1946 erschien in Wien wieder ein Blatt namens Die Presse, gegründet unter anderem von Ernst Molden. Der Titel war alt, der Anspruch neu: In der jungen Zweiten Republik, in der sich die großen Lager mit ihren eigenen Zeitungen versorgten, sollte hier ein unabhängiges bürgerlich-liberales Blatt stehen. Prägend wurde später die Ära von Otto Schulmeister, der die Presse von 1961 bis 1982 leitete und ihr ein deutlich außenpolitisches Profil gab – die österreichische Entsprechung zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wenn man so will, mit mehr Kaffeehaus und weniger Beamtenpathos.
1988 kam mit dem Standard eine linksliberale Konkurrenz auf den Markt, gegründet von Oscar Bronner. Seither gibt es in Wien eine Konstellation, die es in vielen Hauptstädten nicht mehr gibt: zwei überregionale Qualitätszeitungen, die unterschiedliche Milieus bedienen und einander dabei durchaus brauchen. Wer eine von beiden liest, liest immer auch gegen die andere.
Was heute auf dem Spiel steht
Die Presse gehört heute zur Grazer Styria-Gruppe, also zu einem Medienkonzern mit Renditeerwartungen. Das ist keine Nebensache, sondern der Rahmen, in dem der Alltag der Redaktion stattfindet: Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Recht, dazu eine der letzten großen Wochenendausgaben des Landes. Wie alle gedruckten Zeitungen kämpft das Blatt mit sinkenden Auflagen, wegbrechender Anzeigenkundschaft und der Frage, wie viel Journalismus im Netz bezahlt werden kann. Ein Bezahlmodell musste auch die Presse einführen, ob es einem gefällt oder nicht.
Dazu kommt die unangenehme Seite. Im Herbst 2022 trat der damalige Chefredakteur Rainer Nowak zurück, nachdem eine Affäre um politisch gesteuerte Inserate und angebliche redaktionelle Gegenleistungen auch die Presse erfasst hatte. Der Vorgang war Teil eines größeren Skandals, in dem mehrere heimische Medien mit entsprechenden Kooperationen in Verbindung gebracht wurden. Ein Blatt, das sich selbst gern als Korrektiv der Macht versteht, gerät damit in eine unbequeme Lage: Es muss glaubwürdig erklären, wo die Grenze zwischen Werbung und Redaktion verläuft – und zwar öffentlich, nicht im Kleingedruckten.
Man kann diese Vorgänge für Wiener Interna halten. Sie sind aber mehr. In Österreich wird seit Jahren darüber gestritten, wie Parteien und Ministerien Medien beeinflussen, wie unabhängig der öffentlich finanzierte Rundfunk ist und warum das Land in internationalen Ranglisten zur Pressefreiheit seit Jahren im Mittelfeld hängt. Als 2023 die Wiener Zeitung, eines der ältesten Blätter der Welt, ihre gedruckte Tagesausgabe einstellte, war das kein Einzelfall, sondern ein Signal. Die Zeitung als Geschäftsmodell ist nicht selbstverständlich. Sie war es nie.
Ein Gedächtnis, das jemand bezahlen muss
Was bleibt von einer Zeitung, die 1848 gegründet wurde? Eine vollständige Sammlung ihrer Ausgaben ist vor allem eines: die Aufzeichnung davon, wie Österreich sich selbst gesehen hat – im Ausnahmezustand, in der Monarchie, in der Diktatur, im Wiederaufbau, im EU-Beitritt. Kaum eine Institution im Land reicht so weit zurück und ist gleichzeitig noch im Alltagsbetrieb.
Die Presse ist heute kein Denkmal, sondern ein Betrieb, der jeden Tag aufs Neue Leserinnen und Leser finden muss, die bereit sind, für Nachrichten zu zahlen. Ihre lange Geschichte ist kein Verdienst, das sich einlösen lässt. Sie ist höchstens ein Hinweis darauf, was verloren geht, wenn diese Art von Journalismus verschwindet: die Langsamkeit, das Nachfragen, die zweite Seite desselben Themas. Ob es das Blatt weitere Jahrzehnte geben wird, entscheidet sich am Ende nicht in der Redaktion, sondern an den Kaffeehaustischen und auf den Bildschirmen derer, die es aufschlagen.