Manche Orte muss man nicht suchen. Sie liegen einfach da, neben der Straße, hinter ein paar Bäumen, und warten darauf, dass jemand langsamer wird. Tuggen im Kanton Schwyz ist so ein Ort. Wer am oberen Zürichsee entlangfährt, nimmt das Dorf oft nur als grünen Streifen zwischen Wasser und Hügeln wahr. Doch wer anhält, entdeckt eine Landschaft, die mehr über die Schweiz erzählt als manche bekannte Postkartenkulisse.
Tuggen liegt dort, wo der Zürichsee in die Linthebene übergeht. Die Ebene war über Jahrhunderte ein unberechenbares Sumpfgebiet. Erst die Linthkorrektion zu Beginn des 19. Jahrhunderts machte aus dem Moor fruchtbares Land. Noch heute prägen offene Felder, Gräben und weite Wiesen das Bild. Im Süden erheben sich die Voralpen, im Norden liegt der See. Diese Kombination ist typisch für die March, aber in Tuggen wirkt sie besonders ruhig.
Die Geschichte des Dorfes ist eng mit dem Wasser verbunden. Die ständige Überschwemmungsgefahr zwang die Bewohner über Jahrhunderte, mit der Natur zu verhandeln, statt gegen sie zu bauen. Als die Linthkorrektion das Wasser bändigte, veränderte sich das Leben grundlegend. Aus einer kargen, oft bedrohten Gegend wurde eine Landwirtschaftsregion. Viele Höfe prägen noch heute das Ortsbild, auch wenn die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe wie vielerorts zurückgeht.
Heute lebt Tuggen vor allem von seiner Nähe zu den Zentren. Pfäffikon, Lachen und Rapperswil sind schnell erreichbar, nach Zürich ist es nicht weit. Gleichzeitig hat sich das Dorf eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt. Es gibt lokale Vereine, ein aktives Gemeindeleben und die ruhige Selbstverständlichkeit eines Ortes, der nicht ständig im Mittelpunkt stehen muss.
Für Besucher ist Tuggen kein Ort für große Sehenswürdigkeiten. Wer aber gern zu Fuß unterwegs ist, findet Wege am Wasser und entlang der Felder, die kaum überlaufen sind. Im Sommer zieht es viele an den Tuggenersee, einen ruhigen Badesee am Dorfrand. Im Winter liegt die Landschaft oft in Nebel gehüllt, während die Berggipfel im Süden über der grauen Decke liegen. Diese Stimmungen sind es, die Tuggen ausmachen: kein Spektakel, sondern eine leise, fast meditative Ruhe.
Vielleicht ist es genau diese Unaufgeregtheit, die Tuggen besonders macht. Während andere Orte sich ständig neu erfinden müssen, bleibt Tuggen seiner Landschaft treu. Wer hierher kommt, sollte keine Attraktionen erwarten, sondern die Bereitschaft mitbringen, eine Landschaft zu lesen: das Wasser, die Ebene, die Hügel. Dann erkennt man, dass Orte wie Tuggen keine Randnotiz sind, sondern das eigentliche Rückgrat der Schweizer Kulturlandschaft.
Tuggen: Das leise Dorf am oberen Zürichsee
Source: HotArticle
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