In der Basler Innenstadt, kaum hundert Meter vom Rhein entfernt, duftet es manchmal nach Ajvar und gebratenen Paprika. Hinter einem unauffälligen Schaufenster liegt ein kleiner Laden, in dem Kunden auf Macedonisch miteinander plaudern und Regale mit türkischem Kaffee, Paprikapaste und süßen Baklava gefüllt sind. Für Passanten bleibt er einer von vielen Migrantenläden in der Schweiz. Wer genauer hinsieht, entdeckt ein Stück Nordmazedonien mitten in Europa – und damit eine Verbindung, die weit über den Fußball hinausreicht.
Die mazedonische Gemeinde in der Schweiz zählt geschätzt 60.000 bis 80.000 Menschen. Die meisten kamen in den 1990er-Jahren, als der Zerfall Jugoslawiens die Region erschütterte. Die Schweiz öffnete ihre Grenzen für Flüchtlinge und Arbeitsmigranten – viele von ihnen aus dem heutigen Nordmazedonien. Was als vorübergehende Lösung begann, wurde für Tausende zu einer dauerhaften Heimat. In Städten wie Basel, Zürich und Bern entstanden enklavenartige Strukturen: Restaurants, Importgeschäfte, Vereine, in denen die alte Heimat nicht nur erinnert, sondern aktiv weitergelebt wird.
Diese Präsenz bleibt nicht ohne Echo. Schweizer Unternehmen entdeckten Nordmazedonien früh als Investitionsstandort. Die politische Stabilität, niedrigen Lohnkosten und geografische Nähe zum europäischen Markt machten das Land attraktiv. Firmen wie ABB oder die Swatch Group bauten Produktionsstätten auf. Heute zählt die Schweiz zu den wichtigsten Direktinvestoren in Nordmazedonien. Die Beziehung ist dabei alles andere als einseitig: Mazedonische Unternehmer in der Schweiz agieren als Brückenköpfe, organisieren Handelsbeziehungen und schaffen Arbeitsplätze auf beiden Seiten.
Der Fußball fungiert als populistischer Gradmesser dieser Verbindung. Wenn die Nationalmannschaften aufeinandertreffen, wie zuletzt in der Nations League, spielen mehr als nur Punkte. Auf der Schweizer Seite stehen Spieler wie Xherdan Shaqiri oder Granit Xhaka, deren Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen. Sie repräsentieren eine neue Schweiz, die ihre Identität nicht mehr nur aus Alpen, Schokolade und Uhren zieht. Auf der anderen Seite steht eine mazedonische Mannschaft, die in der Diaspora eine zweite Heimat hat. In Genfer oder Zürcher Bars sitzen mazedonische Fans vor den Bildschirmen, fiebern mit – und wissen nicht immer genau, für welches Land ihr Herz stärker schlägt.
Diese Zerrissenheit ist das eigentliche Thema. Die Generation, die in den 90ern kam, hat oft zwei Pässe, zwei Heimaten, zwei Lebensentwürfe. Die Kinder, in der Schweiz geboren, sprechen perfekt Schweizerdeutsch, besuchen die lokale Schule und dennoch: Am Sonntag gibt es Cevapcici statt Zürcher Geschnetzeltes, und die Großeltern in Skopje werden per Videoanruf besucht. Kulturelle Hybridität ist keine Theorie, sondern Alltag.
Die Schweiz hat diese Realität lange ignoriert. Integration bedeutete oft Assimilation. Doch die mazedonische Gemeinde blieb sichtbar. Ihre Läden, ihre Feste, ihre Präsenz im öffentlichen Raum zwingen zu einer anderen Debatte: Was bedeutet es, Schweizerin oder Schweizer zu sein, wenn das Land seit Jahrzehnten von Menschen mitgeprägt wird, die anderswo geboren wurden?
Nordmazedonien wiederum profitiert von dieser Brücke. Die Rücküberweisungen der Diaspora fließen in Milliardenhöhe. Schweizer Pensionskassen investieren in mazedonische Infrastruktur. Junge Mazedonier studieren in Basel oder Zürich und bringen Wissen zurück. Das ist keine klassische Entwicklungshilfe, sondern ein Netzwerk aus privaten Beziehungen, Geschäftsinteressen und familiären Banden.
Vor diesem Hintergrund wirken politische Statements plötzlich kurzsichtig. Wenn Schweizer Politiker über restriktive Zuwanderungspolitik sprechen, reden sie auch über die Nachbarn im eigenen Land. Wenn Nordmazedonien von seinem europäischen Weg spricht, ist die Schweiz – nicht EU-Mitglied, aber tief in europäische Strukturen eingebunden – ein interessantes Vorbild.
Die Verbindung zwischen beiden Ländern ist damit kein Fußballereignis, das alle zwei Jahre stattfindet. Sie ist alltäglich, unsichtbar und dennoch fundamental. Sie besteht in Läden, in denen Ajvar verkauft wird, in Fabriken, in denen Schweizer Maschinen laufen, in Familien, die zwischen zwei Welten leben. Und sie stellt eine Frage, die die Schweiz wie Nordmazedonien betrifft: Wie konstruiert man eine nationale Identität, wenn die Grenzen längst fließend geworden sind?
Die Antwort liegt vielleicht in jenem Basler Laden. Die Besitzerin wechselt mühelos zwischen Schweizerdeutsch und Macedonisch. Sie bedient Kunden aus der Nachbarschaft, die nach Ajvar fragen, weil sie ihn in einem Rezept entdeckt haben. Ihre Kinder helfen am Wochenende aus, sprechen aber untereinander Dialekt. Für sie ist Nordmazedonien die Heimat der Eltern, die Schweiz ihre eigene. Und beides ist gleichzeitig wahr.
Migration, Schweizer Investitionen, Fußball – all das sind nur Symptome einer tieferen Verflechtung. Die Schweiz und Nordmazedonien sind keine Partner im klassischen diplomatischen Sinn. Sie sind etwas Intimeres: zwei Gesellschaften, die sich durch Menschen, Geld und Kultur verwoben haben. Das macht die Beziehung komplex, manchmal schwierig, aber vor allem: unauflösbar.
Zwischen Basel und Skopje: Die unsichtbaren Brücken zwischen Nordmazedonien und der Schweiz
Source: HotArticle
Original link: https://www.hotarticle24.com/ntwo1skx