Der Moment, in dem man in einen Bus steigt, dauert etwa drei Sekunden. Karte an den Leser, kurzer Blick nach hinten, Platz suchen. Was dabei fast immer fehlt, ist der Blick nach vorne. Dabei sitzt dort ein Mensch, der für die nächsten zwanzig Minuten dafür verantwortlich ist, dass vierzig Personen heil ankommen – während er gleichzeitig einen Fahrplan im Kopf hat, den der Verkehr längst zerlegt hat.
Es ist eine eigenartige Beziehung, die wir zu Busfahrern haben. Wir vertrauen ihnen unser Leben an, mehrfach pro Woche, ohne ihren Namen zu kennen. Wir beschweren uns bei ihnen über Verspätungen, die sie nicht verursacht haben. Und wir erinnern uns an sie meist erst dann, wenn sie nicht mehr da sind.
Was vorne links eigentlich passiert
Wer eine Weile beobachtet, was in einem Fahrersitz passiert, stellt fest, dass „Bus fahren" den Job nur zur Hälfte beschreibt. Da sind die Spiegel, die ständig gecheckt werden müssen. Die Innenkamera, auf der ein Teenager Streit anfängt. Der Radfahrer, der plötzlich rechts vorbeizieht. Die Ampel, die auf Gelb springt, während vierzig Menschen hinter einem sitzen, die gern bremsten würden – oder eben nicht.
Dazu der Innenraum. Die ältere Dame, die die Karte falsch herum hält. Der Rollstuhl, für den die Klappe raus muss und alle anderen dreißig Sekunden Geduld. Die Kinder der vierten Klasse, die den Ausflug nicht überleben, wenn nicht jemand die Stimme hebt. Der Mann, der betrunken einsteigt und dessen Verhalten man in den nächsten zwei Minuten einschätzen muss. All das läuft parallel, und der Fahrer kann nirgendwo hin. Ein Büro zum Türenschließen gibt es in diesem Beruf nicht.
Und dann ist da noch die Zeit. Eine Haltestelle, in der alles erledigt sein soll – einsteigen, verabschieden, Rampe, losfahren – dauert im Fahrplan oft nur Sekunden. Kommt an einer Schule ein ganzer Jahrgang rein, ist die Verspätung da, bevor der Bus überhaupt losgefahren ist. Der Fahrer erbt sie und gibt sie an die nächste Linie weiter, und die Fahrgäste erben sie von ihm. Dass dabei trotzdem fast immer jemand freundlich „Guten Morgen" sagt, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Leistung.
Die Scheibe
In vielen Städten sitzt der Fahrer inzwischen hinter einer Schutzscheibe. Die wurde nicht eingebaut, weil sie so gut aussieht. Beleidigungen gehören für viele Busfahrer zum Wochenrhythmus, Spucken auch, und im schlimmsten Fall mehr. Ausgelöst durch was? Eine ungültige Karte. Ein zu spät gekommener Bus. Einen Zehn-Euro-Schein, den jemand nicht wechseln konnte.
Das Perfide an diesem Arbeitsplatz: Der Fahrer kann nicht weggehen. Wer in einem Laden bedient wird, kann hinter die Theke treten oder den Raum verlassen. Wer vorne links sitzt, sitzt dort – angeschnallt, im Verkehr, bis zur Endhaltestelle. Die Scheibe löst dieses Problem nicht, sie dämpft es nur. Und sie verändert etwas, das man erst vermisst, wenn es weg ist: das kurze Gespräch beim Einsteigen, das „Schönen Tag noch" über den Kartenschalter. Manche Fahrgäste begrüßen den Fahrer inzwischen durch Glas, wie einen Menschen im Wartezimmer.
Der Mangel, den man inzwischen selbst sehen kann
Wer in den letzten Jahren durch deutsche Städte gelaufen ist, hat sie gesehen: Busse, die komplett mit einer einzigen Botschaft beklebt sind. „Wir suchen Dich." Ein Verkehrsbetrieb, der sein eigenes Fahrzeug als Stellenanzeige missbraucht, ist ein Betrieb, der es eilig hat. Das ist kein Marketing. Das ist ein Hilferuf mit Rädern.
Dahinter steht ein Problem, das sich über Jahre aufgebaut hat. Die Belegschaften vieler Betriebe sind im Schnitt deutlich älter als in anderen Branchen; die einen fahren noch bis zur Rente, die anderen sind längst gegangen, und nachgerückt ist zu wenig. Betriebe melden unbesetzte Stellen zu Hunderten, Ausfallpläne gehören in manchen Regionen inzwischen zum regulären Tagesgeschäft, und auf dem Land, wo der Bus oft die letzte verbliebene Anbindung ist, fehlt es besonders.
Die Gründe stehen in keinem geheimen Bericht, sie stehen im Dienstplan. Geteilte Schichten: um halb fünf raus, mittags drei Stunden Pause, abends noch mal zwei Stunden unterwegs – ein Arbeitstag, der sich über vierzehn Stunden Lebenszeit erstreckt. Wochenenddienst, wechselnde Frühschichten, dazu die Verantwortung, die der Führerschein Klasse D mitbringt, und ein Lohn, der lange Zeit so klang, als sei der Busfahrer ein Anhängsel des Busses und nicht derjenige, der ihn bewegt. Die Tarifabschlüsse der letzten Jahre haben etwas bewegt. Ob es reicht, entscheidet sich gerade.
Und es gibt einen leiseren Grund, den kaum jemand ausspricht, weil er unangenehm ist: Man arbeitet lieber in einem Beruf, in dem man gesehen wird. Der Busfahrer wird genutzt, aber selten bemerkt. Das spürt man irgendwann.
Was der Mangel über uns sagt
Im Behördendeutsch heißt der öffentliche Nahverkehr „Daseinsvorsorge". Man könnte auch sagen: die Grundlage dafür, dass Städte überhaupt funktionieren – dass Schüler ankommen, Pflegekräfte zur Frühschicht kommen, Menschen ohne Auto zur Arbeit kommen. Seit ein paar Jahren hat man dafür sogar ein Wort, „systemrelevant", und es klingt sehr wichtig.
Aber systemrelevant und sichtbar sind zwei verschiedene Dinge. Wir bemerken Berufe, die das System tragen, meist erst in dem Moment, in dem sie ausbleiben. Der Fahrermangel ist so gesehen auch ein Spiegel: Er zeigt, wie eine Gesellschaft mit den Menschen umgeht, auf die sie sich täglich verlässt, ohne darüber nachzudenken.
Autonome Busse werden als Antwort präsentiert, und irgendwann werden sie einen Teil des Problems vielleicht lösen. Aber die Frage, wer nachts den Wagen auflädt, wer die Rampe für den Rollstuhl ausfährt, wer bei einem Konflikt hinten im Bus deeskalierend den Kopf dreht – die bleibt. Das Fahrzeug kann fahren. Der Job ist größer.
Vorne links, ein Mensch
Keine falsche Sentimentalität: Ein freundliches „Danke" beim Aussteigen löst keinen Fahrermangel. Kein Auge verdoppelt sich, wenn ein Fahrgast grüßt.
Aber es kostet nichts, beim Aussteigen den Kopf zu heben und „Tschüss" zu sagen, und es ist ein kleines, ehrliches Signal an den Mann oder die Frau, die um halb fünf aufgestanden ist, damit man um sieben pünktlich ist. Manchmal ist es das, was einen Tag verändert. Und zwar nicht nur den der Fahrgäste.