Entlang der Küste, zwischen Inseln und Alltag

Wer von Kroatien spricht, meint selten dasselbe. Für den einen ist es die geschwungene Promenade von Split, für den anderen die steinigen Buchten der Kornaten, für einen dritten die leeren Plateaus der Lika, wo die Autobahn gerade mal zwei Spuren breit wird und die Berge wie abgestorfen wirken. Das Land lässt sich nicht in eine einzige Postkarte pressen – und genau das macht es schwierig, darüber zu erben, ohne seltsam hohl zu klingen.
Die kroatische Küste ist berühmt, keine Frage. Dubrovnik mit seinen intakten Stadtmauern, Zadar mit dem Meeresorgel-Sound, Rovinj mit den italienisch angehauchten Gassen. Doch die eigentliche Qualität dieser Orte offenbart sich erst, wenn man die Saison überdauert. Im Juli drängen sich die Menschenmassen durch die Altstadt von Split, und die Strände von Hvar gleichen behelfsmäßigen Festivals. Wer im Oktober kommt, findet eine andere Welt: Fischer, die ihre Netze auf den Molen ausbreiten, Restaurants, die den letzten Fang des Tages anpreisen, eine Stille, die das Meer endlich wieder gehört werden lässt.
Das Innere des Landes bleibt dagegen für viele unsichtbar. Die Fahrt von Zagreb Richtung Küste ist ein dramatischer Wechsel: Die grünen Hügel der Hauptstadtregion weichen immer kargeren Felslandschaften, Tunneln und Brücken. Die berühmte A1, die das Land der Länge nach durchschneidet, endet abrupt, bevor sie ganz nach Süden gelangt – ein Bauwerk, das seit Jahrzehnten diskutiert wird und die ungleiche Entwicklung Kroatiens symbolisiert. Die Küste boomt, das Hinterland verliert junge Menschen an die Städte oder ins Ausland.
Diese Spannung zwischen Tourismus und Lebensrealität prägt das Land. In Dubrovnik leben weniger Menschen als vor dem Krieg – die Altstadt ist zum Museum geworden, in dem noch Einheimische arbeiten, aber kaum noch welche wohnen. Die Preise für Immobilien sind für Durchschnittsverdiener unerreichbar, die Mieten in den Städten steigen. Gleichzeitig hält der Tourismus viele Familien über Wasser, und die Saisonarbeit auf den Inseln ist für junge Kroaten oft die erste Berührung mit dem eigenen Land jenseits des Heimatortes.
Kroatien ist auch ein Land der Sprachvielfalt, die leise und manchmal überhört existiert. Das Dalmatinische mit seinen venezianischen Lehnwörtern, die istrische Variante mit italienischem Einschlag, das Kajkavische im Norden – sie alle stehen neben dem Standardkroatischen, das selbst eine relativ junge Einheitssprache ist. Wer in Zagreb bestellt, spricht anders als einer in Šibenik, und beide verstehen sich mühelos, aber die Nuancen erzählen von Geschichte, von Zugehörigkeit, von Grenzen, die politisch gezogen und kulturell überschritten wurden.
Die kürzeste Anekdote, die ich je über Kroatien hörte, kam von einer Frau aus Osijek: Sie sei einmal im Westen des Landes gewesen und habe dort an einem Strand den Schuh verloren. Jahre später habe sie den gleichen Schuh – identifizierbar durch ein Loch im Absatz – an einem anderen Strand wieder gefunden, angetrieben von der gleichen Strömung, die sie selbst durchs Leben getragen habe. Wahrscheinlich ist die Geschichte erfunden. Aber sie passt zu einem Land, das klein genug ist für solche Zufälle und groß genug, um nie ganz zuende erforscht zu sein.
Wer Kroatien besucht und nur die Highlights abhakt, verpasst diesen Eindruck. Der wahre Wert liegt in den Zwischenräumen: der Fähre, die zu spät kommt, dem Gespräch mit dem Wirt, der den eigenen Wein anbietet, dem Weg, der auf der Karte existiert, aber in der Realität zu einem Schotterpfeil schrumpft. Es ist ein Land, das geduldig bleibt mit denen, die es sind.

Source: HotArticle

Original link: https://www.hotarticle24.com/n46op0si

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