Man stelle sich eine Frau vor, die ihre Karriere fast so lange führt, wie es Farbfilm gibt. Die mehr Rollen verkörpert hat, als viele Schauspielschulen sie überhaupt unterrichten. Die nicht nur eine Ikone ist, sondern selbst Geschichte schreibt. Das ist Senta Berger – kein Museumsexponat, sondern eine nach wie vor tätige Künstlerin, deren Arbeitssucht und Leidenschaft für das Handwerk sie bis heute prägen.
Berger betritt nicht einfach Bühnen oder Filmsets; sie bezieht sie. Schon die Anfänge in den 60er Jahren verwiesen auf dieses Besondere: Ihr Auftritt in Willi Forsts "Die unentschuldigte Stunde" besiegelte nicht nur die Zusammenarbeit mit diesem Besessenen des Kinos. Er war eine Art Manifest. Berger ließ sich nie als Dekoration inszenieren, selbst in jener Epoche, als deutsche Filmfrauen oft nur dazu dienten, die Ausstattung zu bereichern. Als sie nach Hollywood kam, brachte sie jenes Eigenwillige, das ihr in Wien an der Max-Reinhardt-Seminar anerzogen worden war, mit hinüber. Ihre Rollen bei Preminger, in Hitchcocks Erbe-Thriller "Torn Curtain", später bei Huston oder Audrich waren nicht bloß Statements einer Europäerin in fremder Umgebung. Berger spielte Frauen, die eigener Gedanken und Absichten fähig waren – damals kein Standardrepertoire.
In den 70er Jahren dann eine konsequente Rückkehr. Nicht der Rückhalt oder häusliche Begebenheiten waren ausschlaggebend. Vielmehr war es das Unterwegssein innerhalb des deutschen oder besser des europäischen Autorenkinos. Man erinnere sich an ihre Auftritte in Filmen von Schlöndorff, Petersen und andern: Dabei entwickelte Berger nicht ihr Können weiter; sie schuf so etwas wie Raum im Raum. Ein Spiel vor der Kamera, das auf Zwischentöne, nicht möglichst große Gesten ausgerichtet war. Berger wusste intuitiv: Je leiser ihre Einwände, Anliegen oder Freuden formuliert wurden, desto größer deren Wirkmacht. Und dennoch erträgt diese Darstellernatur kein Schema, keine Wiederholung; sie braucht die Wandlungsfähigkeit fast im physikalischen Sinne.
In Fernsehserien der letzten Jahre (Man denke an die "Kommissarin Lucas") beweist die Schauspielerin wachsende Stärke. Angesichts von Rollen, die durch die Breite der vermeintlichen Serienrealität an Plastizität verlieren könnten, setzt Berger einen Kontrapunkt. Ihre Lucas ist keine Frau mit Privatproblemen zwischen Verbrechen; sie ersetzt die Konzepte, nach denen solche Figuren heute besetzt werden, durch Einzigartigkeit. Sie widersteht der Versuchung, die Figur zu deuten; sie lässt sie sein.
Spätestens die Synchronisation der Violet Crawley von "Downton Abbey" brachte denen, die Senta Berger letzte Jahre nicht gefolgt waren, das Erlebnis: Die Stimme einer Zeitgenossen konnte Bühneprinzipien vermitteln wie nur wenige andere. Berger füllt die Rolle nicht einfach; sie lässt sie im Raum stehen. Wo altmodische Sprechmanieren wären oder übertriebene Höflichkeit das Gegenüber vernichten könnte, läuft ein Interpretationsprogramm von großer Freiheit. Berger kann lesen, als hätte sie selbst das Manuskript dem Dichter entwendet und neu geschrieben; ohne etwas von dem zu ändern – eine Kunst der Interpreten wie sie heute kaum noch gelehrt wird.
Viele in ihrer Generation haben sich zurückgezogen, in Ehren, ja, aber zurückgelehnt. Bei Berger findet sich keine Attitüde des Abschieds, nur das Bewusstsein, dass jede neue Reise auch neue Alter beschreitet. Einen Moment wie sie brauchen wir heutens – jemanden, der die Geschichte des Kinos darstellt und gleichzeitig das Zusammenwirken belegt. Keine Galionsfigur also. Ein lebendiges Archiv, das in jedem Auftritt beweist, was die Zeitgenossen vieler Stilrichtungen womöglich bereits verlernt haben: dass Schauspielerei dramatische Wahrheiten nicht einfach nachahmt. Sie erschafft sie neu, mit einem Blick, einem Lächeln, einer Pause. Und so arbeitet Senta Berger noch stets: nicht wie alle anderen.
Senta Berger: Eine lebende Legende des deutschsprachigen Kinos
Source: HotArticle
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