Kaum ein wirtschaftliches Thema beschäftigt die Menschen so unmittelbar wie die Inflation. Wer beim Einkaufsverkehr, an der Tankstelle oder bei der Mieterhöhung spürt, dass mehr Geld für weniger Leistung nötig ist, will verstehen, woher diese Teuerung kommt und wie lange sie anhält. In der Schweiz war das lange ein Randthema, denn das Land galt jahrzehntelang als Inbegriff stabiler Preise. Spätestens seit den Jahren 2022 und 2023, als auch hierzulande die Preise spürbar anzogen, ist Inflation wieder in aller Munde. Ein Blick auf die Besonderheiten der Schweiz, die Rolle der Nationalbank und die praktischen Folgen für private Haushalte lohnt sich.
Was Inflation eigentlich bedeutet
Inflation bezeichnet den anhaltenden Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Steigen die Preise, kann man mit dem gleichen Geldbetrag weniger Güter und Dienstleistungen kaufen – die Kaufkraft des Geldes sinkt. Inflation ist also im Grunde eine schleichende Entwertung des Geldes.
Wichtig ist der Unterschied zur kurzfristigen Preisentwicklung: Einmalige Preisspitzen bei einzelnen Produkten, etwa bei Benzin vor den Ferien, machen noch keine Inflation. Entscheidend ist ein breiter und dauerhafter Anstieg über viele Bereiche hinweg.
Das Gegenstück ist die Deflation, also ein allgemeines Sinken der Preise. Sie klingt auf den ersten Blick angenehm, ist für die Wirtschaft aber oft problematisch: Wenn Verbraucher erwarten, dass morgen alles billiger wird, schieben sie Käufe auf. Unternehmen erwirtschaften weniger Umsatz, Löhne und Investitionen leiden.
Wie die Schweiz die Teuerung misst
Grundlage für die offizielle Inflationsrate in der Schweiz ist der Landesindex der Konsumentenpreise (LIK), den das Bundesamt für Statistik erhebt. Dafür wird monatlich ein grosser Warenkorb aus Gütern und Dienstleistungen bepreist – von Lebensmitteln über Mieten und Gesundheit bis zu Verkehr, Freizeit und Bildung. Die Zusammensetzung des Warenkorbs wird regelmässig angepasst, damit sie dem tatsächlichen Konsumverhalten der Haushalte entspricht.
Neben der Gesamtteuerung wird auch die sogenannte Kerninflation betrachtet. Dabei werden volatile Posten wie Energie und Saisonprodukte herausgerechnet. Die Kerninflation zeigt, wie stabil die Preise abseits kurzfristiger Ausschläge sind, und spielt für die Geldpolitik eine wichtige Rolle.
Warum die Inflation in der Schweiz so tief ist
International sticht die Schweiz seit Jahrzehnten mit einer ausgesprochen tiefen Teuerung heraus. Mehrere Faktoren wirken zusammen:
Der starke Franken. Die Schweiz importiert viele Waren, vom Gemüse über Bekleidung bis zu Elektronik. Eine starke Landeswährung macht diese Importe günstiger und dämpft damit die Inflation. In Krisenzeiten gilt der Franken zudem als sicherer Hafen, was ihn zusätzlich stützt.
Die Energieversorgung. Ein Grossteil des Schweizer Stroms stammt aus Wasserkraft und Kernenergie. Das Land ist weniger abhängig von importiertem Erdgas als viele Nachbarländer. Als die Energiepreise in Europa nach 2021 stark stiegen, fiel die Belastung in der Schweiz deutlich moderater aus als etwa in Deutschland oder Italien.
Regulierte Preise. Ein erheblicher Teil des Warenkorbs unterliegt staatlichen oder vertraglichen Regelungen – etwa Krankenkassenprämien, öffentliche Tarife oder Mieten, die an den Referenzzinssatz gebunden sind. Solche Preise reagieren träger auf Marktverwerfungen als freie Marktpreise.
Die Glaubwürdigkeit der Nationalbank. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) verfolgt seit Jahren eine klare geldpolitische Linie. Diese Verlässlichkeit festigt das Vertrauen in die Währung und verankert tiefe Inflationserwartungen bei Unternehmen und Konsumenten.
Von der Deflationsfurcht zur Teuerung: die letzten Jahrzehnte
Die Geschichte der Schweizer Inflation ist ungewöhnlich. In den 1970er Jahren, getrieben von den Ölpreisschocks, erreichte die Teuerung zeitweise Werte um die sieben Prozent – historische Höchststände für das moderne Land. In den folgenden Jahrzehnten normalisierte sich das Bild: Die Inflation sank und pendelte sich meist in einem Bereich nahe null ein.
Besonders markant war die Periode nach der Finanzkrise 2008. Jahrelang drohte der Schweiz eher Deflation als Inflation. Die SNB reagierte unter anderem mit Negativzinsen von zuletzt minus 0,75 Prozent, die sie erst 2022 wieder abschaffte.
Dann kam die Wende. Die Lieferkettenprobleme der Pandemie, die expansive Geldpolitik weltweit und der Angriffskrieg auf die Ukraine trieben die Energie- und Lebensmittelpreise nach oben. Im Sommer 2022 erreichte die Schweizer Inflation mit rund dreieinhalb Prozent den höchsten Stand seit gut drei Jahrzehnten – international betrachtet moderat, für Schweizer Verhältnisse aber ein deutlicher Bruch. In der Eurozone lag die Teuerung zu diesem Zeitpunkt im zweistelligen Bereich. Danach flachte die Kurve wieder ab, und die Inflation kehrte in tiefere Gefilde zurück. Genau wie rasch und in welche Richtung sich die Preise künftig entwickeln, hängt von Faktoren ab, die niemand sicher vorhersagen kann: Wechselkurs, Energiekosten, Welthandel und Lohnentwicklung.
Die Rolle der Schweizerischen Nationalbank
Die SNB definiert Preisstabilität als Inflation zwischen null und zwei Prozent, mit Blick auf einen Bereich um etwa ein Prozent. Um dieses Ziel zu erreichen, steuert sie den Leitzins: Steigt die Inflationsgefahr, erhöht sie die Zinsen, was Kredite verteuert, die Nachfrage dämpft und die Währung stützt. Sinkt die Teuerung oder droht Deflation, senkt sie den Zins.
Dieser Mechanismus funktioniert bei binnenwirtschaftlich erzeugter Inflation gut. Schwieriger wird es, wenn die Teuerung importiert wird – etwa durch teure Energie oder schwächere Währungen. Dann kann die Nationalbank die Ursachen nicht direkt bekämpfen, sondern nur über den Wechselkurs Einfluss nehmen, etwa durch Franken-Käufe. Ein teurerer Franken verbilligt Importe, hat aber zugleich Nachteile für die Exportwirtschaft und den Tourismus. Die Geldpolitik ist damit immer ein Abwägen zwischen Preisstabilität und den Bedürfnissen der Realwirtschaft.
Was Inflation für den Alltag bedeutet
Auch eine moderate Inflation verändert das Haushaltsbudget spürbar. Betroffen sind vor allem:
- Lebensmittel: Die Preise im Detailhandel reagieren auf Frachtkosten, Rohstoffpreise und den Wechselkurs zum Euro.
- Mieten: Die Mietzinse sind an den Referenzzinssatz gekoppelt. Zinserhöhungen der Nationalbank können daher mit Verzögerung zu Mietzinserhöhungen führen – ein indirekter Effekt der Inflationsbekämpfung.
- Energie und Treibstoff: Hier schlagen internationale Preisentwicklungen am direktesten durch.
- Krankenkassenprämien: Sie steigen seit Jahren regelmässig und treiben den Gesundheitsanteil im Warenkorb.
Für Sparer bedeutet Inflation reale Verluste: Ein Sparkonto mit minimalem Zinsertrag verliert bei Teuerung an Kaufkraft. Umgekehrt profitieren Schuldner, deren Kredite real an Wert verlieren. Auch die Lohnrunde ist davon berührt – ob eine Lohnerhöhung wirklich mehr Kaufkraft bringt, hängt davon ab, ob sie über der Teuerungsrate liegt.
Was private Haushalte praktisch tun können
Gegen die Inflation als solches kann der Einzelne wenig ausrichten. Ein paar Ansatzpunkte gibt es trotzdem:
Den eigenen Warenkorb prüfen. Wer weiss, wofür das Geld monatlich fliesst, erkennt, wo die Teuerung persönlich am stärksten zuschlägt – und wo sich Einsparen lohnt. Ein einfaches Budget hilft dabei mehr als jede Statistik.
Preise vergleichen. Gerne bei wiederkehrenden Ausgaben wie Versicherungen, Abos oder Mobilfunktarifen lässt sich ohne spürbaren Verzicht Geld sparen. Auch der Detailhandel unterscheidet sich teils deutlich.
Sparziele und Zinsen im Blick behalten. Auf dem klassischen Sparkonto verliert Geld bei Inflation real an Wert. Wer längerfristige Anlagen prüft, sollte das jedoch nicht überstürzt und nur mit Wissen über die eigenen Risiken tun – Anlagen mit höherer Renditechance bringen auch höhere Schwankungen mit sich.
Bei Hypotheken die Zinsentwicklung einkalkulieren. Ob Festhypothek oder variable Finanzierung: Die Entscheidung hängt von der persönlichen Risikobereitschaft und der Einschätzung der Zinspolitik ab. Hier lohnt sich eine unabhängige Beratung, bevor man sich festlegt.
Gehaltsthemen frühzeitig ansprechen. Wer real nicht an Kaufkraft verlieren will, darf das Thema Lohnentwicklung im Gespräch mit dem Arbeitgeber mit den Fakten zur Teuerung begründen.
Wichtig ist vor allem: keine überstürzten Reaktionen. Inflation in der Schweiz ist historisch tief und schwankt. Panische Entscheidungen – etwa vorschnelle Kapitalanlagen oder überstimmte Konsumverzichte – schaden meist mehr, als sie nutzen.
Häufige Fragen rund um das Thema
Ist eine gewisse Inflation schlecht? Nein. Eine leichte, stabile Teuerung gilt sogar als gesund für die Wirtschaft. Sie gibt den Notenbanken Spielraum, erleichtert Anpassungen und beugt Deflation vor. Problematisch wird es erst, wenn die Inflation hoch oder unvorhersehbar wird.
Warum fühlt sich die Teuerung stärker an als die offizielle Zahl? Der offizielle Warenkorb bildet einen Durchschnitt. Wer viel für Miete, Krankenkasse oder Lebensmittel ausgibt, erlebt eine andere Teuerung als jemand mit anderen Ausgabenmustern. Die persönliche Inflation kann von der offiziellen Rate abweichen.
Schützt der starke Franken vor Inflation? Er dämpft sie, insbesondere bei Importgütern. Aber er ist kein Allheilmittel: Dienstleistungen, Mieten und im Inland produzierte Güter bleiben von Wechselkursen weitgehend unberührt.
Ausblick
Die Schweiz ist und bleibt ein Sonderfall in der internationalen Preislandschaft. Die Kombination aus stabiler Währung, diversifizierter Energieversorgung und einer glaubwürdigen Nationalbank hat sich bisher bewährt. Dennoch zeigt die Erfahrung der letzten Jahre, dass auch ein Land mit tiefster Inflation von globalen Schocks nicht verschont bleibt. Wer die Mechanismen versteht – wie die Teuerung gemessen wird, welche Faktoren sie treiben und welche Hebel die Politik besitzt –, kann Preisentwicklungen gelassener einordnen und die eigenen finanziellen Entscheidungen besser darauf abstimmen.