Der Wind trägt den Duft von frischem Kaffee von dem türkischen Lokal an der Ecke herüber, vermischt sich mit dem vielstimmigen Gelächter aus dem Wiener Beisl nebenan. Es ist ein kühler Herbstnachmittag auf der Ottakringer Straße, und der sechzehnte Bezirk zeigt sein wahres Gesicht: nicht einheitlich, sondern fünfzehnfarbig wie ein Marktstand voller Obstsorten aus aller Welt. Dieser Teil Wiens hat es sich längst angewöhnt, mehrere Gesichter zu tragen.
Wer Ottakring lediglich durch das Prisma des Ottakringer Brauereiviertels betrachtet, verpasst den Großteil der Geschichte. Die voluminösen Bauwerke der einstigen Brauereien, heute teils Wohn- und Bürokomplexe, erzählen vom historischem Wohlstand und industrieller Herkunft des Bezirks. Doch Schritt für Schritt öffnet sich hinter jedem Kaffeehaus, jedem kleinen Handwerksgeschäft eine andere Geschichte des Viertels. Dort, wo zu Hermann Bahls Zeiten eine Arbeiterschaft jungfräulich ansässig war, lungern heute Jugendliche aus verschiedenen Ländern auf denselben Bänken und teilen sich Freud und Leid im Wiener Dialekt, der sich ausreichend naturgemischt hat für alle.
Man sieht das auch an den Straßennamen mit ihren Geschichtsverweisen. Wo Gürtel und alten Linien verkehrreichen Häfen eben diese Migranten des Südostens vor Jahrzehnten anlegten und sich festsetzten. Bratislavskas Kolarits siedelten neben Zagrebs Novakovic‘ und Serbiens Markovic‘ – nur um zu unterscheiden, dass Wiener sein heißt, Kenntnis zu haben um mehr als eine Sprache, mehr als eine Kultur in den kleinsten Raum zu bringen. Das war Ottakrings Lehrplan für Freiheit im Fremdsein.
Mir ist dieser schöne Herbsttag nicht entgangen. Im kleinen Park auf der Schuhgasse parken zwei alte Herren ein Scheibenspiel. Die Sonne steht im Westen zwischen zwei Minaretten und Kirchtürmen gleich hoch. Das eine Ende der Straße beginnt im türkischen Supermarkt mit seinen gigantischen Olivenauswahl und ihren Konserventennen; das andere mündet im katholischen Gemeindehaus mit dem obligaten Kreuz darüber. Dazwischen wird gestritten, gelacht und lebendig.
Man sagt immer, Wien sei anders wenn Ottakring sagt, “Wir”. Und “Wir” kann alles bedeuten: es bedeutet der Drehéks vom Linzergebäude mit Schachbrett für die Punkte am Abend – es meint der Zainab vom Fleischstand Klosterneuburger mit Burka unter Obststanddach. Sie kauft ihre Halalfleischs gar nicht mehr türkisch sondern türkisch-wienerisch mit Knoblauchsemmelbeilage. “Ottakring lieben ist Kebab essen mit Lederhosenwissen wo es drängt” heißt eine lokal Liebeserklärung. Auch das entscheidende Wort: Integration ist gewissermaßen einer Übergangsweise: wenn man schon auf sie wartet, macht man sich im Ottakring ungeduldig.
Bis zur grünen Helene bei der Williams oder den Straßencafés neben dem Yppenplatz merkt man es nicht. Dort schlagen die Generationsherzen unterschiedlich: der nachbarliche Horst ist teil der Wandervögelbekanntschaftskette, der junge Beyzulernen arbeitet nebenan intensiver an seinem Lebenslauf für das College als wir entspannen wollen. Die Ottakringerin des Jahres vielleicht, Frau Aloisia Reisner, pensionierte Postangestellte sowie Deutschlehrerin für Integrationskurse vereint im Grunde diese Doppelseitigkeit: Anpassung zu lehren durch Geschichte zu erklären. Stolz erwähnt sie bei Gelegenheit die frühgeschichtlichen Beiträge der Hethiter und Thraker zum Wien des Altertums: “Nur durch Vermischung lernt eine Stadt zu leben.”
Dem bezirksfeinen Endeffekt schenke ich mich heute den Brunnenmarkt: Er grenzt an eine Million Ausdrücke zwischen Neubaugasse und Ottakringer Linie. Brunnenmarkt – von Brunnenmarkt vierzig Jahre gefälschten Brunnenmärkte genannt – hat etwas Ausguckhaftes: Seine Tische voller Sprungfedern und Auberginen sind so vielfältig wie die Diskussionen der Verkäufer selbst. Es ist ein farbenfroher Gemüsepalast ohne Sprachbarrieren—man sagt Bosnisch, Kroatisch, Serbisch mit Trinkgeldbemerkungen nur auf Wiener Art abgewandelt. Das Klischee ist die Wahrheit, sagt eine Frau aus dem Weinviertel hinter ihrem Traubenstand: “Ottakring ist nicht für Idyllgemütlichkeit, hier muss man auch laut schaffen.”
Wenn mein Spaziergang an der Kongress-Kirche vorbeiführt, flankieren Vitrinen mit Gebetsteppichen und sakralen Darminstrumenten die Eingänge der Moschee. Gleich rechts geht es in die alte Schützentaler Kirche zur Jugendmesse. Hier dreht man das Wort der Woche nach links und rechts: aus dem Mischmasch outet das Zusammenleben viel stärkere Fugen als der Schrei nach Einheitlichkeit. Es ist der heutige Ottakring.
Und wie vieles in Wien, auch das unterscheidbar: Ottakring erhöht nicht nur den Stolz seiner Anhänger, sondern den der ganzen Stadt. Mag sein, dass “Schmelztiegel Europam” häufig zu weit überschrieben ist, auf einer Ortlaufskala mag es funktionieren— wahrheitsgemäß werden im Herzen Ottakring allerlei Erdteile verrührbar ohne Sprachüberbürokratisierung. Mira Slemonovic im Früchtestore vor jener Moschee fasst es simpel: “Wir sind nicht ihr Europa. Wir sind das Ottakring.”
Wien in Fünfzehn Farben: Ottakring erzählt seine Geschichte
Source: HotArticle
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