Wie Wien sein eigenes Wetter macht
Man sitzt in einem Heurigengarten am Kahlenberg, die Nachmittagssonne ist noch warm, und unter einem liegt eine weiße Decke, in der die halbe Stadt verschwunden ist. Ein paar Hundert Höhenmeter weiter unten ist man an genau diesem Tag im Grau geblieben, hat gefroren und sich gefragt, ob es überhaupt noch hell wird. Beide Beobachtungen stimmen. Sie beschreiben nur nicht dasselbe Wien.
Ein Becken, das alles erklärt
Wien liegt nicht einfach irgendwo. Die Stadt liegt in einem Becken. Im Westen und Südwesten steigt der Wienerwald an, im Norden begrenzen Bisamberg und die ersten Hügel des Weinviertels, und nach Osten öffnet sich die Stadt zum Marchfeld und weiter zum pannonischen Tiefland. Die Donau durchschneidet das Ganze und bildet eine eigene kleine Landschaft mit anderen Temperaturen und anderem Wind.
Diese Lage prägt fast alles, was an der Wiener Witterung eigen ist. Ein Becken tauscht seine Luft nur widerwillig aus. Was hineinfällt, bleibt liegen. Das ist im Sommer eine Last und im Herbst eine der schönsten Eigenheiten der Stadt.
Oben Sonne, unten Nebel
An klaren, windstillen Nächten kühlt der Boden schnell aus. Die Luft direkt darüber wird kälter, dichter und schwerer, rinnt von den Hängen ab und sammelt sich im Tal — ein Kaltluftsee, den die Meteorologie Inversion nennt. Über dieser kalten Schicht liegt mildere Luft. Die Grenze zwischen beiden verläuft oft zwischen dreihundert und fünfhundert Metern.
Für Wien bedeutet das: Die Innere Stadt kann in dichtem Nebel liegen, während auf Kahlenberg, Cobenzl oder Hermannskogel die Sonne scheint und es mehrere Grad wärmer ist. Ein Ausflug, der auf dem Papier eine halbe Stunde dauert, führt in eine andere Jahreszeit.
So schön das für Ausflügler ist, so unangenehm ist es für die Luft. Eine Inversion wirkt wie ein Deckel. Was die Stadt an Abgasen und Feinstaub ausstößt, kann nicht entweichen und sammelt sich in der kalten Schicht. Die Luftqualität in Wien ist heute deutlich besser als in den achtziger Jahren, aber an austauscharmen Wintertagen merkt man die Physik des Beckens immer noch — unten trüb und stickig, oben klar.
Regen kommt meistens von Westen
Gemessen an Österreich ist Wien trocken. Rund sechshundert Millimeter Niederschlag fallen hier im Jahr, während es im Westen des Landes regional das Drei- bis Vierfache sein kann. Der Grund ist die Lage: Die Alpen entwässern die vom Atlantik kommenden Luftmassen, bevor sie den Osten erreichen. Was in Wien ankommt, ist bereits ausgeregnet.
Wenn es doch regnet, dann meist bei West- und Nordwestströmung. Der Wienerwald bewölkt sich zuerst, dann zieht die Front über die Stadt. Im Sommer sind das häufig Gewitter, die schnell und heftig sein können — Hagel, Starkregen in kurzer Zeit, danach klare Luft. Solche Tage erinnern daran, dass die Kanalisation einer Stadt andere Maßstäbe braucht als ein Landgasthof. Gelegentlich bringen Wetterlagen aus dem Mittelmeerraum länger anhaltenden Regen in den Osten, dann steigen die Bäche und die Wien füllt sich merklich.
Wer in Wien lebt, lernt schnell: Regen ist hier selten ein gleichmäßiger Landregen, sondern meist eine Angelegenheit von einer halben Stunde. Man wartet ihn oft einfach unter einem Portal ab.
Die Stadt als Heizkörper
Der zweite große Faktor nach dem Becken ist die Stadt selbst. Asphalt, Beton und dicht bebaute Häuserblocks speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts nur langsam ab. In klaren, windstillen Sommernächten kann es zwischen der Inneren Stadt und den Randbezirken mehrere Grad Unterschied geben. Die dicht gebauten Bezirke kühlen einfach nicht aus.
Das ist unangenehmer, als es klingt. Hitze am Tag hält man mit Schatten und Wasser aus. Eine Nacht, in der die Wohnung nicht unter neunundzwanzig Grad kommt, raubt den Schlaf und die Erholung. Wien reagiert darauf mit Begrünung, Entsiegelung, Schattenplätzen und im Sommer mit hunderten öffentlichen Trinkbrunnen, an denen man sich kostenlos auffüllen kann.
Man sollte dabei nicht so tun, als beträfe es alle gleich. Ein Bezirk mit alten Baumbeständen und lockeren Höfen ist im Sommer spürbar angenehmer als ein dicht verbautes Gründerzeitviertel ohne Grün. Stadtklima ist auch eine soziale Frage.
Was Wien nicht hat
Der Föhn, in Innsbruck und Salzburg ständiger Gesprächsstoff, spielt in Wien kaum eine Rolle. Dafür liegt die Stadt zu weit von den hohen Kämmen entfernt. Auch die Wetterextreme des Gebirges fehlen: keine Schneemassen, die Dächer zum Einsturz bringen, keine langen winterlichen Ausnahmezustände.
Stattdessen gibt es den Altweibersommer — diese milden, diesigen Oktobertage mit ihrem weichen Licht, in denen der Herbst für ein paar Wochen vergisst, dass er schon begonnen hat. Es gibt den Winter, der häufiger grau als weiß ist und in dem weiße Weihnachten in Wien die Ausnahme bleiben. Und es gibt das Frühjahr, das tückisch sein kann: Spätfröste im April und um die Eisheiligen herum treffen regelmäßig die Weinberge am Nußberg und in Stammersdorf, wo man die Reben dann mit Vlies und Feuerstellen zu schützen versucht.
Wien reicht von 150 bis 542 Meter
Wer den Wetterbericht für Wien liest, liest eine grobe Zusammenfassung. Die Stadt erstreckt sich von etwa hundertfünfzig Metern im Donautal bis auf 542 Meter am Hermannskogel. Das sind Unterschiede, die man im Alltag tatsächlich merkt.
Praktisch heißt das: Im Winter lohnt es sich, bei Nebel einfach hinaufzufahren, statt zu Hause zu warten, dass es aufklart. Es klart nicht auf — im Tal jedenfalls nicht. Im Sommer ist der Weg umgekehrt sinnvoll: Wer Abkühlung sucht, geht an die Alte Donau, auf die Donauinsel oder in die höheren Bezirke. Und was die Kleidung betrifft, ist Zwiebelprinzip in Wien keine Modefrage, sondern eine Technik. Ein Schirm gehört von März bis November in die Tasche, im Winter eher eine Mütze gegen den Wind, der auf der Ringstraße, über die Brücken und durch die engen Gassen der Innenstadt deutlich stärker bläst als in den ruhigen Höfen dahinter.
Wer wissen will, was Wien ausmacht, sollte an einem dieser stillen Herbsttage hinaufsteigen und hinunterschauen. Von dort oben sieht man beides zugleich: die Stadt im grauen See und die Sonne über ihr. Ein Ort, der sein Wetter zu einem guten Teil selbst macht.