Der Besucher, der keine Ruhe gibt

Sie kommt spät im Sommer, wenn die Tage noch warm sind, aber die Nacht schon früher hereinbricht. Man hört sie zuerst – ein tiefes, mechanisches Brummen, das irgendwo zwischen Rasenmäher und Hubschrauber liegt. Dann fliegt sie heran, gelb und schwarz gestreift, gut fünf Zentimeter lang, und landet auf dem Tisch, wo gerade noch die Trauben lagen. Die asiatische Hornisse hat ihren Namen nicht von ungefähr. Sie wirkt wie etwas, das hier nicht recht hingeht.
Ursprünglich aus Ost- und Südostasien stammend, hat die Vespa velutina in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen bemerkenswerten Marsch durch Europa angetreten. 2004 erreichte sie erstmals Frankreich, vermutlich mit einer Lieferung chinesischer Topfpflanzen, und hat seither nördliche Richtung eingeschlagen. Inzwischen gibt es stabile Populationen in Spanien, Portugal, Belgien, den Niederlanden – und seit einigen Jahren auch immer häufiger Meldungen aus Deutschland, vor allem im Südwesten. Wer sie sieht, merkt schnell: Dieses Insekt spielt in einer anderen Liga als unsere heimische Hornisse.
Die asiatische Hornisse unterscheidet sich von ihrer europäischen Verwandten auf den ersten Blick durch das auffällig dunkle, fast schwarze Abdomen mit einer charakteristischen orangefarbenen Spitze. Die europäische Hornisse wirkt dagegen fast zart, ihr Körper ist heller und weniger massiv. Doch das äußere Erscheinungsbild ist nicht das Problem. Das Problem ist die Art, wie sie jagt.
Im Gegensatz zur europäischen Hornisse, die hauptsächlich andere Insekten erbeutet, hat die asiatische Hornisse eine spezifische Vorliebe entwickelt: Sie macht Jagd auf Honigbienen. Nicht einzeln, sondern systematisch. Die sogenannte "Massenattacke" ist bei ihr dokumentiert – einige Hornissen können einen ganzen Bienenstock innerhalb kürzester Zeit dezimieren, indem sie die flugbereiten Bienen direkt vor dem Flugloch abfangen. Für Imker ist das ein Albtraum, der in der Spätsaison, wenn die eigenen Völker ohnehin schwächeln, besonders schmerzhaft wird.
Die Frage, was man tun soll, wenn man eine asiatische Hornisse entdeckt, ist nicht einfach zu beantworten. Sie ist nicht automatisch aggressiv gegenüber Menschen – im Gegenteil, sie scheint menschliche Nähe oft zu ignorieren, solange man sie nicht provoziert. Doch ihre Nester, die sie bevorzugt hoch oben in Baumkronen oder manchmal auch in Gebäuden errichtet, können beeindruckende Größen erreichen. Tausende Individuen sind keine Seltenheit. Ein unbedachtes Näherkommen, vorangetrieben von der menschlichen Neugier, endet dann doch gelegentlich mit Stichen. Und die sind, wie bei allen Hornissen, nicht zu unterschätzen.
Die Behörden haben längst reagiert. In vielen europäischen Ländern gilt die asiatische Hornisse als invasive Art, deren Nestern nachgespürt und zerstört wird. In Frankreich laufen seit Jahren professionelle Monitoring-Programme, bei denen speziell trainierte Hunde Hornissennester aufspüren. In Deutschland gibt es Meldeportale, über die Funde dokumentiert werden sollen. Das Ziel ist nicht die Ausrottung – die ist bei einer etablierten Art illusorisch –, sondern die Kontrolle, die Verlangsamung der Ausbreitung, der Schutz der Bestäuber.
Doch zwischen amtlicher Bekämpfung und persönlicher Begegnung liegt ein weites Feld. Wer im Spätsommer im Garten sitzt und plötzlich dieses unverwechselbare Brummen hört, der spürt zunächst einmal Unbehagen. Die asiatische Hornisse wirkt fremd, überdimensioniert, fast theatralisch in ihrer Präsenz. Sie passt nicht ins Bild des heimischen Gartens, in dem die Wespe nervt und die Biene fleißig ist. Sie ist eine Zerrüttung dieses Bildes.
Gleichzeitig ist sie ein Produkt unserer vernetzten Welt. Sie ist hierhergekommen, weil wir Waren und Pflanzen um den Globus schicken, weil unsere Ökonomien ineinandergreifen, weil Kontinente für den Handel kleiner geworden sind. Die asiatische Hornisse ist keine moralische Instanz, kein Symbol, keine Metapher. Sie ist ein Insekt, das seinen ökologischen Nischen erfolgreich ausfüllt. Aber sie zwingt uns, Fragen zu stellen. Über die Fragilität lokaler Ökosysteme. Über die Kosten globaler Mobilität. Über die Schwierigkeit, etwas zurückzuholen, das einmal da ist.
Manche Imker haben angefangen, ihre Bienenvölker mit speziellen Fluglochsperren zu schützen, kleine Gitter, die die Hornissen, aber nicht die Bienen am Durchfliegen hindern. Andere setzen auf Frühwarnsysteme, auf die Beobachtung der ersten Anflüge, auf die Vernichtung der ersten Nester, bevor sie groß werden können. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, das viel Zeit und Nerven kostet. Und es ist ungleich, denn die Hornisse spielt mit anderen Regeln, als wir sie verstehen.
Was bleibt, ist die Gewissheit, dass wir sie nicht mehr loswerden. Die asiatische Hornisse wird zu uns gehören, wie der Marmorierter Rosenkäfer oder die Amerikanische Faulbrut – ein weiterer Einwanderer in einer Landschaft, die längst nicht mehr nur aus Heimischen besteht. Wer sie begegnet, tut gut daran, Ruhe zu bewahren, sie nicht zu provozieren, das Nest den Fachleuten zu melden. Und vielleicht auch, einen Moment länger hinzusehen. Nicht, weil sie nicht gefährlich wäre. Sondern weil sie ein Teil dieser komplizierten, verschobenen Natur ist, die wir jetzt haben.

Source: HotArticle

Original link: https://www.hotarticle24.com/59yoims3

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