Als Amira aus dem Fenster ihres Apartments in Stockholm blickt, sieht sie den Hafen, die Fähren, das kalte nordische Licht. In ihrer Küche steht jedoch eine Kaffeemaschine, die mit einem bosnischen Kännchen, einem džezva, konkurriert. Ihre Kinder sprechen Schwedisch in der Schule, Bosnisch zu Hause. Ihr Kühlschrank enthält sowohl Knäckebrot als auch Ajvar.
Diese Dualität ist für Tausende von Menschen in Schweden zur Normalität geworden. Die Verbindung zwischen Bosnien-Herzegowina und Schweden ist keine typische Beziehung zwischen zwei europäischen Ländern. Sie ist geprägt von Krieg, Flucht, Aufnahme und einem Generationen übergreifenden Prozess der Zugehörigkeit.
Eine unerwartete Verbindung
Schweden und Bosnien-Herzegowina könnten verschiedener nicht sein. Das eine Land: kühl, organisiert, protestantisch geprägt, mit einer langen Tradition der Neutralität und einem gut funktionierenden Sozialstaat. Das andere: mediterran und kontinental zugleich, von osmanischer und österreich-ungarischer Geschichte geformt, durchlitten von einem brutalen Krieg in den neunziger Jahren.
Doch genau dieser Kontrast macht die Geschichte der Menschen, die beide Länder als ihre Heimat betrachten, so faszinierend. Die bosnische Gemeinschaft in Schweden zählt zu den größten und am besten integrierten Einwanderergruppen des Landes. Ihre Anwesenheit ist direkte Folge des Bosnienkrieges, der zwischen 1992 und 1995 stattfand und Hunderttausende zur Flucht zwang.
Schweden nahm damals mehr bosnische Flüchtlinge auf als jedes andere westeuropäische Land – geschätzt über 100.000 Menschen. Diese Entscheidung prägte beide Länder nachhaltig.
Die Ankunft im Norden
Für die Flüchtlinge war die Ankunft in Schweden ein Schock. Nicht nur die Temperatur war eine Herausforderung. Die bosnischen Geflüchteten kamen aus einem multiethnischen, multireligiösen Land, in dem Nachbarn unterschiedlicher Herkunft jahrzehntelang friedlich zusammengelebt hatten – bis Nationalismus und ethnische Säuberung diese Lebensrealität zerstörten.
In Schweden fanden sie ein Land vor, das funktionierte. Ein Land mit Regeln, mit Erwartungen, mit einer Sprache, die kaum Ähnlichkeit mit ihrer eigenen hatte. Die Integration war keine Einbahnstraße. Sie erforderte von den Ankömmlingen Anpassung, Lernen, Geduld. Sie erforderte aber auch von der schwedischen Gesellschaft Offenheit und Verständnis für Menschen, die traumatisiert waren und deren kulturelle Prägungen ganz anders aussahen.
Die ersten Jahre waren geprägt von bürokratischen Hürden, Sprachkursen und der schwierigen Frage: Bleiben oder zurück? Viele hatten ihre Häuser verloren, ihre Ersparnisse, oft auch Familienangehörige. Bosnien-Herzegowina lag in Trümmern. Rückkehr war für viele keine realistische Option.
Ein neues Leben aufbauen
Was die bosnische Gemeinde in Schweden von anderen Einwanderergruppen unterscheidet, ist ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation und zur schnellen Integration in den Arbeitsmarkt. Innerhalb weniger Jahre entstanden bosnische Kulturvereine, Moscheen, Zeitungen, sogar eigene Fußballvereine. Parallel dazu stieg die Erwerbsquote der bosnischen Einwanderer auf ein Niveau, das dem der einheimischen Bevölkerung nahekam.
Diese Erfolgsstory hat mehrere Gründe. Bosnien-Herzegowina war vor dem Krieg ein Teil Jugoslawiens, eines sozialistischen Landes mit vergleichsweise guter Bildung und industrialisierter Wirtschaft. Viele Flüchtlinge brachten Berufsausbildungen mit, die in Schweden anerkannt wurden oder sich leicht anpassen ließen. Ingenieure, Ärzte, Handwerker, Lehrer – sie fanden schneller Arbeit als viele andere Geflüchtete.
Zudem war die bosnische Gemeinschaft nicht homogen. Sie umfasste Bosniaken, Kroaten und Serben, Muslime, Christen und Säkulare. In Schweden lebten sie wieder zusammen, diesmal freiwillig, fernab der ethnischen Konflikte, die ihre Heimat zerrissen hatten. Diese Erfahrung prägte das Selbstverständnis vieler Bosnier in Schweden: Sie verstanden sich als Bosnier, nicht als Angehörige einer bestimmten Ethnie oder Religion.
Die zweite Generation
Für die Kinder der Geflüchteten sieht die Realität anders aus. Sie sind in Schweden geboren oder aufgewachsen, sprechen Schwedisch ohne Akzent, gehen zu schwedischen Schulen und Universitäten. Ihre Verbindung zu Bosnien-Herzegowina ist emotioniert, aber oft distanziert.
Viele besuchen das Land ihrer Eltern regelmäßig. Sie kennen die Straßen von Sarajevo, die Brücke von Mostar, die Strände an der Adria. Doch sie bleiben Besucher. Ihre Heimat ist Schweden, auch wenn sie sich manchmal als nicht ganz dazugehörig empfinden.
Diese zweite Generation navigiert zwischen zwei Identitäten. Sie hört bosnische Musik, isst bosnische Gerichte, versteht die Geschichten ihrer Eltern. Gleichzeitig sind sie in einer schwedischen Wertewelt sozialisiert, die Individualismus, Gleichstellung und Selbstbestimmung betont. Die Konflikte, die daraus entstehen können, sind subtil: Erwartungen der Eltern bezüglich Heirat, Religion oder Karriere, die nicht immer mit den eigenen Wünschen übereinstimmen.
Dennoch ist die Integration der zweiten Generation als Erfolg zu werten. In den Universitäten, im Gesundheitswesen, in der Tech-Branche und in der Kulturszene Schwedens sind Menschen mit bosnischen Wurzeln präsent. Sie haben sich nicht assimiliert im Sinne einer vollständigen Aufgabe ihrer Herkunft. Sie haben integriert, ohne sich unsichtbar zu machen.
Heimat als Konzept
Die Frage nach der Heimat ist für Menschen mit Migrationshintergrund nie einfach zu beantworten. Für die bosnische Gemeinde in Schweden ist sie besonders komplex. Bosnien-Herzegowina existiert weiterhin, aber es ist nicht mehr das Land, aus dem sie geflohen sind. Die Städte wurden wiederaufgebaut, die Gesellschaft hat sich verändert. Viele, die zurückkehrten, fühlten sich fremd in ihrer alten Heimat.
Schweden bot Sicherheit, Stabilität, eine Zukunft. Doch es blieb das Land der Ankunft, nicht das der Herkunft. Diese doppelte Zugehörigkeit kann belastend sein, aber sie kann auch bereichernd sein. Viele Bosnier in Schweden pflegen bewusst beide Identitäten. Sie reisen regelmäßig nach Bosnien-Herzegowina, unterstützen Verwandte, investieren in Immobilien oder kleine Unternehmen. Sie bringen schwedische Werte und Erfahrungen mit, wenn sie ihre alte Heimat besuchen.
Diese transnationale Lebensrealität ist in der globalisierten Welt keine Ausnahme mehr. Sie ist zur Normalität geworden. Die bosnisch-schwedische Gemeinschaft ist ein Beispiel dafür, wie Menschen über Generationen hinweg Brücken zwischen Ländern und Kulturen bauen können.
Sport als Spiegel
Ein besonders deutliches Beispiel für diese Verbindung bietet der Sport. In den neunziger Jahren, als Bosnien-Herzegowina noch keine eigenständige Fußballnationalmannschaft hatte, spielten mehrere bosnische Spieler für die schwedische Nationalmannschaft. Die bekanntesten unter ihnen waren wahrscheinlich Zlatan Ibrahimović, dessen Vater aus Bosnien stammte, und andere Spieler mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien.
Ibrahimović selbst hat sich oft zu seiner bosnischen Herkunft geäußert, ohne sie zu romantisieren. Seine Geschichte ist typisch für viele Kinder von Einwanderern: aufgewachsen in einem schwierigen Viertel in Malmö, geprägt von der harten Arbeit seines Vaters, motiviert durch den Wunsch, zu beweisen, dass Herkunft kein Schicksal ist.
Heute spielen bosnischstämmige Spieler sowohl für bosnische als auch für schwedische Nationalmannschaften. Die Entscheidung, für welches Land man spielt, ist oft pragmatisch: Wo habe ich bessere Chancen? Wo fühle ich mich eher zugehörig? Diese Entscheidungen spiegeln die komplexe Identität der zweiten Generation wider.
Was wir daraus lernen können
Die Geschichte der Verbindung zwischen Bosnien-Herzegowina und Schweden bietet Einblicke in die Möglichkeiten und Herausforderungen von Migration und Integration. Sie zeigt, dass Aufnahme von Geflüchteten nicht nur eine humanitäre Pflicht ist, sondern auch einen gesellschaftlichen Mehrwert bringen kann.
Sie zeigt aber auch, dass Integration Zeit braucht. Die erste Generation kämpfte mit Sprache, Trauma und der Frage der Rückkehr. Die zweite Generation steht vor anderen Herausforderungen: der Suche nach Identität, der Balance zwischen zwei Kulturen, der Frage, wie man die Herkunft der Eltern an die eigenen Kinder weitergibt.
Die bosnische Gemeinde in Schweden ist heute eine etablierte Größe. Sie hat ihren Platz in der schwedischen Gesellschaft gefunden, ohne ihre Herkunft zu leugnen. In den Städten Schwedens gibt es bosnische Restaurants, Geschäfte, Kulturvereine. Bosnisch ist eine Sprache, die man auf der Straße hört. Ajvar und Cevapcici haben ihren Platz in den Regalen schwedischer Supermärkte gefunden.
Gleichzeitig bleibt die Verbindung nach Bosnien-Herzegowina stark. Die Menschen reisen, telefonieren, transferieren Geld, halten Kontakt. Die Heimat ist nicht mehr ein einziger Ort. Sie ist ein Netzwerk aus Menschen, Erinnerungen und Orten.
Eine persönliche Reflektion
Für Außenstehende mag die Kombination von Bosnien und Schweden ungewöhnlich wirken. Ein Land am Mittelmeer und am Balkan, das andere an der Ostsee und in Skandinavien. Doch für die Menschen, deren Leben beide Länder verbindet, ist diese Kombination zur Normalität geworden.
Sie haben gelernt, dass Heimat nicht ein Ort ist, den man verlässt und zu dem man zurückkehrt. Heimat ist etwas, das man mit sich trägt. Die bosnisch-schwedische Erfahrung zeigt, dass Identität nicht statisch ist. Sie entwickelt sich, verändert sich, nimmt neue Elemente auf, ohne die alten vollständig zu verlieren.
In einer Zeit, in der Migration und Integration politisch kontrovers diskutiert werden, bietet diese Geschichte ein Beispiel für gelungene Integration. Integration bedeutet nicht Assimilation. Sie bedeutet, dass Menschen einen Platz in einer neuen Gesellschaft finden, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen. Sie bedeutet, dass Gesellschaften sich verändern, wenn neue Menschen hinzukommen – und dass diese Veränderung bereichernd sein kann.
Die nächste Generation wird diese Geschichte weiterführen. Vielleicht mit weniger emotionaler Bindung an Bosnien-Herzegowina, vielleicht mit einer noch stärkeren Verwurzelung in Schweden. Aber die Verbindung wird bleiben. Sie ist Teil der Familiengeschichten, der Erzählungen, der Identitäten.
Zwischen Sarajevo und Stockholm liegt nicht nur eine geografische Distanz. Es liegt eine Geschichte von Krieg und Frieden, von Verlust und Neuanfang, von zwei Ländern, die durch die Schicksale von Menschen unwiderruflich miteinander verbunden sind.