Wenn man an Bruno Kramm denkt, denkt man zuerst an düstere Klänge und entrückte Performances. Mit seiner Band Das Ich prägte er ab den frühen Neunzigern eine Szene, die sich bewusst zwischen Genres, Konventionen und Wohlfühlzonen bewegte. Es war verstörender Industrial, expressionistischer Sprechgesang und eine Bühnenpräsenz, die das Publikum oft in Beklemmung zurückließ. Ein paar Jahre später fand sich derselbe Mann im Anzug auf Podiumsdiskussionen wieder, stritt über Netzfreiheit, Urheberrecht und Datenschutz – und wurde Teil der politischen Landschaft, die er einst nur aus künstlerischer Distanz kommentiert hatte. Was wie ein Bruch wirkt, erweist sich bei näherem Hinsehen als folgerichtige Entwicklung.
Bruno Kramm, geboren 1967 in Berlin, kam früh mit den subversiven Kräften der Großstadt in Berührung. Seine musikalische Sozialisation war nicht die des klassischen Rock oder Pop, sondern die der elektronischen Avantgarde und der Post-Punk-Experimente. Als er 1990 zusammen mit Stefan Ackermann Das Ich gründete, war das keine Band im herkömmlichen Sinn, sondern ein Kunstprojekt, das die Abgründe der menschlichen Existenz in Klang und Text übersetzte. Lieder wie „Gottes Tod“ oder „Destillat“ waren keine einfache Unterhaltung, sondern Konfrontation. Kramm verstand das Studio als Instrument, die Bühne als Labor – und die Musik als Mittel, um gesellschaftliche Normen infrage zu stellen.
Während seine Karriere als Musiker und Produzent wuchs, behielt er die kritische Haltung bei. Das galt auch für sein Label Danse Macabre, das er Mitte der Neunziger mitbegründete und das zur Heimat für zahlreiche Bands der dunklen Szene wurde. Kramm förderte Künstler, die nicht ins Formatradio passten, und pflegte ein Netzwerk, das auf Autonomie und künstlerischer Freiheit beruhte. In diesen Jahren entwickelte er eine Art handwerkliches Verständnis von Unabhängigkeit: Musik nicht als Ware, sondern als Ausdruck einer Haltung.
Diese Haltung ließ sich nicht auf die Kunst beschränken. Mit dem Aufkommen des Internets sah Kramm nicht nur neue Vertriebswege für Musik, sondern auch neue Formen der Kontrolle und Überwachung. Während viele Kreative den digitalen Wandel vor allem als Bedrohung ihrer Erlösmodelle betrachteten, erkannte er die grundsätzlichere politische Dimension. Das Netz war für ihn kein reiner Marktplatz, sondern ein öffentlicher Raum, der verteidigt werden musste. Dieses Bewusstsein führte ihn 2011 in die Piratenpartei, in der er schnell zum netzpolitischen Sprecher und Landesvize in Berlin wurde.
Doch die Piratenpartei war ein Übergang. Kramm erlebte die Flüchtigkeit eines Hypes, die Schwierigkeit, über digitale Themen hinaus politische Strukturen zu bauen, und eine zunehmende Zerrissenheit innerhalb der Partei. Er war kein Technokrat, der Politik auf Werkzeuge reduziert sah – ihn trieb ein breiteres emanzipatorisches Anliegen an. 2016 trat er aus und schloss sich der Linken an, wo er sich weiterhin für Bürgerrechte, kulturelle Freiräume und eine demokratische Digitalpolitik einsetzte. Ein Bundestagsmandat errang er 2017 nicht, doch sein politisches Engagement blieb bestehen.
So geradlinig diese Entwicklung rückblickend wirkt – sie war doch nie strategisch geplant. Kramms politische Stimme entstand aus derselben Quelle wie seine Musik: einer tiefen Skepsis gegenüber Autorität und einem Glauben an die Kraft der Selbstermächtigung. Wo andere Künstler den Komfort der Distanz wählten, suchte er die Reibung im Institutionellen. Dabei half ihm eine Eigenschaft, die selten benannt wird: Er nahm die Mechanismen von Macht ernst, ohne ihnen zu verfallen.
Heute pendelt Bruno Kramm weiter zwischen den Welten. Er produziert Musik, tritt gelegentlich auf, hält Vorträge und mischt sich ein. Dass er mit fast sechzig Jahren kein abgeklärtes Vermächtnis-Interview gibt, sondern sich an Debatten über KI, Datenmonopole und kulturelle Infrastruktur beteiligt, ist bezeichnend. Der Widerstand, der einst im verzerrten Synthesizer-Sound lag, hat nur seine Form gewandelt. Seine Substanz aber ist erkennbar geblieben.
Der rote Faden des Widerstands: Bruno Kramm zwischen Industrial und Netzpolitik
Source: HotArticle
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