Der bekannteste Anlaufpunkt ist der Nationalpark Jasmund mit seinen Kreidefelsen. Der Königsstuhl, mit 118 Metern der markanteste der Kreidefelsen, ragt schweisbreit aus der Ostsee – eine Szenerie, die Caspar David Friedrich Anfang des 19. Jahrhunderts weltberühmt gemacht hat. Die Kreide selbst ist viel älter: Sie entstand vor rund 70 Millionen Jahren aus den Kalkschalen winziger Meeresorganismen und wurde während der letzten Eiszeiten formiert und an die Oberfläche gedrückt.
Wer den Königsstuhl besuchen möchte, muss heute durch das Nationalpark-Zentrum Königsstuhls. Der Weg vom Parkplatz aus führt durch alten Buchenwald, und das ist kein Zufall: Der Wald rund um die Kreideküste gehört zu den ältesten Buchenbeständen Europas und ist seit 2011 Teil des UNESCO-Weltnaturerbes. Alternativ lohnt sich der Besuch des Victoriasichts und des Ernst-Moritz-Arndt-Sichts ab Sassnitz – dort wandert man weniger gestaffelt mit Reisegruppen, und die Aussicht auf die weithin sichtbare, schneeweiße Steilküste ist mindestens genauso eindrucksvoll.
Ein wichtiger Hinweis für alle, die absteigen wollen: Vom Rand der Kreidefelsen herunter zu klettern ist verboten und tatsächlich gefährlich. Die Kreide bricht immer wieder aus, ohne Vorwarnung. Die schönsten Blicke auf die Felsen bekommt man ohnehin vom Wasser aus – im Sommer fahren regelmäßig Ausflugsschiffe von Sassnitz und Binz entlang der Steilküste, und aus der MS Perspektive zwischen den Felsen wirkt die Landschaft nochmals ganz anders.
Bäderarchitektur und Strände: Binz, Sellin und die Badeorte
Die Badekultur auf Rügen begann Mitte des 19. Jahrhunderts, und die Villen aus dieser Zeit prägen bis heute das Bild der Badeorte. Besonders Binz, die größte Gemeinde der Insel, ist ein nahezu geschlossenes Ensemble aus weiß verputzten Häusern mit Holzveranden, Erkertürmchen und geschnitzten Giebeln. Nach 1990 wurden viele dieser Gebäude aufwendig saniert, und heute ist Binz der meistbesuchte Ort der Insel – mit allen Vor- und Nachteilen: Das Flair ist unbestritten, aber im Juli und August ist die Strandpromenade entsprechend voll.
Die Selliner Seebrücke ist die wohl bekannteste der Inselbrücken. Die heutige Konstruktion mit ihrem markanten Kuppelbau stammt aus den 1990er Jahren und reicht fast 400 Meter in die Ostsee hinein. Ein Spaziergang bis zum Ende lohnt sich, allein schon wegen des Blicks zurück auf die Promenade und die aufgereihten Bäderhäuser.
Weniger überlaufen, aber landschaftlich mindestens genauso reizvoll sind die Orte im Südosten: Göhren, Baabe und Sellin liegen im Mönchgut, einer hügeligen, von der UNESCO anerkannten Biosphärenreservatlandschaft. Hier wechseln sich Steilküsten, flache Sandstrände und Wiesen ab, und das Gelände lädt eher zum Wandern und Radfahren ein als zum reinen Strandurlaub. Thiessow am Südzipfel gilt unter Einheimischen als einer der schönsten Strände der Insel – breit, naturnah und selbst in der Hochsaison nie überfüllt.
Prora, Kap Arkona und die Geschichte der Insel
Rügen hat auch eine bewegte, teils unbequeme Geschichte, die an mehreren Orten sichtbar wird. Das bekannteste Beispiel ist Prora: der fast viereinhalb Kilometer lange Koloss am Prorer Wiek, ein Kolossalbau aus der NS-Zeit, der als KdF-Badefreizeitheim für 20.000 Urlauber geplant, aber nie fertiggestellt wurde. Heute beherbergt der Komplex unter anderem das Dokumentationszentrum Prora, Museen, Ferienwohnungen und Hotels. Der Gang durch das Dokumentationszentrum ist für alle empfehlenswert, die sich ernsthaft mit der Geschichte des Ortes auseinandersetzen wollen – der Bau ist ein selten konkretes Zeugnis nationalsozialistischer Propaganda- und Zweckarchitektur.
Ganz anders der Nordwesten: Kap Arkona, die nördlichste Spitze Rügens, ist ein Plateau aus Steilküste mit zwei Leuchttürmen – einem älteren aus dem Jahr 1828 und einem jüngeren, heute noch aktiven aus dem Jahr 1902. Dazu kommen eine ehemalige Schinkelturm-Ruine und ein slawisches Wallwerk, das an die frühe Besiedlung durch die Ranen erinnert. Der Blick von der Klippe auf die schmale Küste und die Schaabe im Süden ist einer der weitreichendsten der Insel, und die kleine Fischerstelle in Vitte mit ihrem Naturhafen hat weitgehend ihren Ursprung behalten.
Der Rasende Roland und das Fahrrad: unterwegs ohne Auto
Eine der schönsten Arten, Rügen zu erleben, ist die historische Schmalspurbahn, die „Rasende Roland" genannt wird. Die Strecke verbindet Putbus über Binz, Sellin und Baabe mit Göhren; auf einem zweiten Abschnitt fährt der Zug bis Lauterbach Mole. Die Dampflokomotiven sind teils über 100 Jahre alt, das Tempo liegt bei rund 30 Stundenkilometern – man kommt also nicht schneller ans Ziel als mit dem Auto, aber deutlich entspannter.
Inselweit ist Rügen mit dem Rad gut zu erschließen. Der Rundkurs um die Insel ist durchgehend ausgeschildert und führt abseits der Hauptstraßen durch Wald, Boddenlandschaft und Küstendörfer. Besonders reizvoll ist die Strecke entlang der Schaabe zwischen Juliusruh und Breege: ein schmaler Nehrungshaken zwischen Ostsee und Bodden, auf einer Seite das offene Meer, auf der anderen flaches, spiegelglattes Wasser. Für Familien mit Kindern ist der Bodden-Radweg im Süden oft die bessere Wahl, weil er fast ohne Steigungen und Verkehr auskommt.
Das Auto braucht man auf Rügen trotzdem nicht zwingend, aber es erleichtert manche Ziele. In der Hochsaison ist die B96 Richtung Binz und die Zufahrt zu den Badeorten zeitweise verstopft – wer frühmorgens oder am Abend unterwegs ist, umgeht das Meiste.
Wann ist die beste Reisezeit?
Die klassische Badesaison von Juli bis August bietet die wärmsten Wassertemperaturen und die meisten geöffneten Restaurants und Attraktionen – aber auch die höchsten Preise und vollste Strände. Wer eher wandern, radfahren oder die Natur sehen will, fährt besser im Mai, Juni oder September. Dann sind die Strandkörbe noch oder schon aufgestellt, das Wetter ist in guten Jahren ausgeprägt sommerlich, und die Anlagen sind deutlich entspannter.
Der Winter ist die stille Jahreszeit. Viele Hotels bleiben geöffnet, die Promenaden sind fast leer, und an der Steilküste im Jasmund hat das raue Wetter einen eigenen Reiz. Wer aufs Meer verzichten kann, aber Ruhe sucht, wird im November oder Februar auf Rügen überrascht sein – allerdings sollte man vorher prüfen, ob die gewünschte Unterkunft und die Restaurants im Ort überhaupt geöffnet haben, denn nicht alles läuft ganzjährig.
Eine Anmerkung zur Wetterlage an der Ostsee, die sich nicht wegdiskutieren lässt: Rügen liegt im Windschatten mancher Regenfronten, aber der Wind ist nahezu ständiger Begleiter. Ein Zelturlaub ohne stabile Ausrüstung ist hier keine gute Idee, und auch im Sommer kann ein Nordweststurm einen Strandtag komplett umschreiben. Wer flexibel plant und für einen Regentag eine Alternative parat hat – etwa das Ozeaneum und die Altstadt von Stralsund auf dem Festland oder das Jagdschloss Granitz –, verliert an solchen Tagen kaum etwas.
Was man auf Rügen essen sollte
Die Küche der Insel ist fischlastig, und das ist kein Zufall: Die Fischerei prägt die Küstenorte seit Jahrhunderten. Der Klassiker ist das Fischbrötchen, idealerweise mit Matjes oder Räucherlachs, gegessen an einem der vielen Imbisse direkt am Hafen. In Sassnitz lohnt sich der Besuch am alten Fischerei- und Saßnitzer Hafen, wo Räuchereien ihre Ware direkt anbieten. Räucheraal, Dornrochen und Rogenbraten sind regionale Spezialitäten, die man außerhalb der Ostseeküste selten bekommt.
Eine zweite Rügener Spezialität ist der Sanddorn, die orangefarbene Beere, die an der Küste in großen Beständen wächst. Aus ihr werden Säfte, Gelees und Liköre hergestellt – der Sanddornschnaps ist auf Rügen quasi ein Kulturgut, und ein Glas heißer Sanddornpunsch an einem frischen Herbsttag am Wasser hat seinen ganz eigenen Charme.
Praktische Tipps für die Planung
Wer in der Hochsaison fährt, sollte Unterkunft und bevorzugte Restaurants vorab buchen – insbesondere in Binz und Sellin sind attraktive Objekte oft Monate im Voraus vergeben. Auch die Überfahrt ist kein Problem, weil die Anbindung über die Rügenbrücke und die parallel verlaufende Rügendamm-Brücke frei zugänglich ist; Maut oder Fähre für die Hauptanbindung gibt es nicht.
Für die Reise mit Kindern gibt es auf der Insel ein erstaunlich breites Angebot: Neben den flach abfallenden Stränden, die sich für Kleinkinder eignen, locken die Naturerlebnispfade im Nationalpark, ein Karls Erdbeerhof in Zirkow mit großem Freizeitangebot und im Sommer die Störtebeker-Festspiele auf der Freilichtbühne in Ralswiek, eine der größten Open-Air-Inszenierungen Deutschlands.
Wer Ruhe sucht, sollte einen Blick auf die weniger bekannten Ecken werfen: die Halbinsel Wittow mit ihren weiten Feldern, die Boddenorte im Süden wie Lauterbach oder Poseritz, oder die kleine Halbinsel Zudar im äußersten Süden, wo sich bei Ebbe weite Sand- und Schilfflächen zeigen.
Rügen belohnt sowohl den, der alles abhaken will – Kreidefelsen, Seebrücke, Kap Arkona in vier Tagen – als auch den, der sich für eine Woche eine einzige Gegend aussucht und sie langsam erkundet. Die Insel ist groß genug für Abwechslung und klein genug, dass man nie lange fahren muss. Vielleicht ist genau das der Grund, warum so viele Besucher wiederkommen.